Nachgefragt – Interview mit Prof. Dr. Boris Kühnle


 

von .

BAK_2007

Profl. Dr. Boris Kühnle - Moderator der der Diskussions-Lounge mit Stefan Münker

 

Welche Rolle spielt das Social Web in Ihrem Alltag?

Boris Kühnle: Das eine Social Web gibt es für mich nicht. Ich probiere aus und differenziere. Das heißt konkret: Xing nutze ich sehr aktiv und sehe den direkten Nutzen, den ich daraus ziehe. Einen Facebook-Account besitze ich auch (oder besitzt er mich?). Allerdings habe ich bemerkt: Das ist nicht mein’s. Die Art des Teilens liegt mir nicht. Dafür bin ich vielleicht doch zu – wie sagte meine Großmutter: – “ginant”. Twitter probierte ich aus, brachte mir aber zu wenig – und kostete dafür zuviel Zeit. Wikipedia: klar! Und jetzt kommt’s: Ich bin begeisterter Hotelkritiker auf Tripadvisor …

 

Wie wird sich Ihrer Meinung nach Politik zukünftig durch das Internet verändern?

Boris Kühnle: Der politische Prozess in einer Demokratie hat doch zwei zentrale Aufgaben: die Willensbildung und die Willensvermittlung. Und für beide Funktionen wirkt das Internet wie ein Turbo in einem Motor – das Internet erzeugt mehr Kraft und mehr Dynamik im politischen Prozess. Ökonomisch gesprochen senkt das Internet die Transaktionskosten politischer Partizipation. Wählen gehen kann manchmal ganz schön anstrengend sein, wenn draußen die Sonne scheint und ein Sonntag am See lockt. Da wäre eine mobile politische Partizipation via Smartphone und Internet gewiss hilfreich. Neben diesem Effizienzkriterium glaube ich aber auch, dass sich die Wirksamkeit des Meinungsbildungsprozesses durch das Internet verändert: Man kann besser “reinhören” in Volkes Stimme und das ist gut so. Allerdings: Dann muss sichergestellt sein, dass die Stimme des Netzes die Stimme des Volkes wiedergibt. Sonst sind wir soweit, wie wir bereits vor dem Internet in Sachen politischer Partizipation waren. Dass nämlich Faktoren wie Bildung und sozialer Status über aktive Teilhabe entscheiden. Gleichwohl ein Letztes: Politik lebt von Kommunikation. Die Bedeutung des Internets in der Nutzung und Rezeption hat einen solchen gesellschaftlichen Stellenwert erreicht, dass eine Politik ohne Kommunikation im und mit dem Internet fahrlässig, ja: falsch wäre.

 

Die größte Gefahr im Social Web sehe ich im …

Boris Kühnle: … Vergessen derer, die das Social Web nicht nutzen können und nicht nutzen wollen. Niemand darf “de iure” und auch “de facto” gezwungen werden, am Social Web teilzunehmen, um an politischen und gesellschaftlichen Prozessen teilzuhaben. Wenn aber das Social Web auf Freiwilligkeit basiert, dann darf unser gesellschaftlich-politisches System auch nicht auf eine “web only”-Demokratie ausgerichtet sein. Das soziale Netz soll und muss Teil im Mix politischer Kommunikation und Partizipation sein. Eines müssen wir dabei stets verhindern: einen “digital divide”. Das Prinzip unserer Gesellschaft ist Repräsentation – und zwar aller. Wenn das Social Web das hinbekommt, gut. Wenn nicht, kann es nicht das alleinige Instrument des politischen Prozesses sein.

 

Worauf sind Sie in Ihrer Diskussionslounge besonders gespannt?

Boris Kühnle: Ob es zu einer Wieder-Begegnung mit Habermas kommt. Mich würd’s freuen.

 

Vita

Boris Alexander Kühnle, Jahrgang 1971, ist seit 2008 an der Hochschule der Medien (HdM) Stuttgart in den Studiengängen „Medienwirtschaft“ (Bachelor) und „Elektronische Medien“ (Master) Professor für Medienwirtschaft und Finanzmanagement in TIME-Märkten; zudem fungiert er als Studiendekan Medienwirtschaft an der Hochschule. Die Schwerpunkte seiner Lehr- und Forschungstätigkeit bilden die Bereiche Medien- und Verlagswirtschaft, Steuerung und Controlling, Produkt- und Unternehmensentwicklung, Medienkonvergenz/Crossmedia sowie internationale Medienmärkte. Zudem arbeitet Kühnle im Convergent Media Center (CMC) der HdM, dem crossmedialen Lehr-Newsroom der Hochschule. Vor dem Ruf an die HdM Stuttgart war Kühnle seit 2002 in verschiedenen Positionen für die Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck tätig: zunächst als Business Analyst im Beteiligungscontrolling, anschließend als Senior Project Manager Controlling/Mergers & Acquisitions (jeweils Stuttgart) und zuletzt als Verlagsleiter der Zeitverlag Beteiligungs GmbH & Co. KG in München („Weltkunst“, „Kunst und Auktionen“). Kühnle verfügt zudem über ein abgeschlossenes Volontariat und mehrjährige Erfahrung als Tageszeitungs-Redakteur. Boris Alexander Kühnle hat an der Universität Stuttgart Politikwissenschaft, Betriebswirtschaftslehre und Germanistik studiert. Er promovierte über internationale Printmedien-Joint Ventures als Wachstumsoption und Steuerungsherausforderung bei Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Péter Horváth. Seine Dissertation ist im Nomos-Verlag erschienen. Im Herbst 2012 publiziert Boris Alexander Kühnle gemeinsam mit Prof. Dr. Martin Gläser im Verlag Lucius & Lucius/UTB den Titel „Controlling für Medienunternemen“. Darüber hinaus zeichnet Kühnle als Verfasser zahlreicher Fachartikel zum Management, Steuerung und Controlling von Medienunternehmen. Beim „Stuttgarter Medienkongress“ gehört Boris Alexander Kühnle dem Programmbeirat an und gestaltet den Branchentreff maßgeblich mit.

 

Victoria Adler/Masterstudentin des Think Tank der HdM

 



Kommentieren

  • (will not be published)